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Fakultät für Mathematik

Karlsruher Institut für Technologie
D-76128 Karlsruhe
Tel.: +49 721 608-43800

Presse über Mathematik

Zum Jahr der Mathematik 2008 finden Sie hier die Presseschau.

Presse zu Mathematik



BNN 19. März 2009: Mathematik ohne Grenzen begeistert über 200.000 Schüler

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BNN 16. März 2009: Käpsele lösen Mathe-Aufgaben

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BNN 12. Januar 2006: Neue Professorin an der Fakultät für Mathematik

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BNN 9. Januar 2006: Neue Rekord-Primzahl hat fast 9,2 Millionen Stellen

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BNN 24. November 2005: Erste Absolventen des Master-Studiengangs Mathematik

Im Rahmen der Jahresfeier der Fakultät für Mathematik bekamen zum ersten Mal auch Studierende des englischsprachigen Masterstudienganges ihre Abschlussurkunde überreicht. Unter dem folgenden Link findet man eine entsprechende Pressemitteilung der Universität Karlsruhe.

BNN 16. November 2005 Master in Mathematik

Im Oktober 2003 kam Slavyana Geninska aus Bulgarien an die Fridericiana, um den Master in Mathematik zu erlangen. Derzeit arbeitet sie an ihrer Masterarbeit. Sie ist begeistert von der Betreuung in diesem Studiengang. Auch die Bibliothek ist hervorragend ausgestattet, und das Rechenzentrum ist sehr modern.

Der internationale Studiengang an der Fakultät für Mathematik ist auf zwei Jahre angelegt. Voraussetzung ist ein Bachelorabschluss mit überdurchschnittlichen Noten. Grundkenntnisse in Deutsch sind erwünscht; der Studiengang kann jedoch vollständig in englischer Sprache absolviert werden. "Jedes Semester werden mindestens vier Vorlesungen auf Englisch angeboten; manchmal beteiligt sich daran auch eine Gastprofessorin oder ein Gastprofessor", erklärt der für das Programm verantwortliche Professor Dr. Rudolf Scherer. Diese Vorlesungen werden auch von Austausch- und von Diplom-Studierenden besucht. Die ausländischen Studierenden besuchen nebenher Deutschkurse, und im zweiten Jahr sind viele so weit, dass sie auch deutschsprachigen Lehrveranstaltungen folgen können. Außer Mathematik studieren sie ein Nebenfach wie Informatik, Physik oder Technische Mechanik. Slavyana Geninska studierte zuvor in Sofia Informatik mit Abschluss Bachelor. "Bereits in Bulgarien habe ich angefangen, Deutsch zu lernen, in Karlsruhe habe ich weitere Kurse besucht, und im zweiten Jahr konnte ich auch Vorlesungen in Deutsch hören." Diesen Masterstudiengang gibt es seit knapp drei Jahren. Die ersten Masterabschlüsse liegen bereits vor.

Dr. Sibylle Orgeldinger


BNN März 2005 Die Suche nach der Lösung

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BNN 22. Februar 2005 Landeslehrpreis an Team um Prof. Kirsch

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BNN 15. Mai 2002 Rechenkünstler

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Mathe auf dem Wühltisch

Wie ein Wissenschaftler sein ungeliebtes Fach wirksam unter die Leute bringen will

DIE ZEIT: Herr Beuteispacher, Ihre Ausstellungen Mathematik zum Anfassen tingeln seit Jahren durch Schu len, Universitäten und Museen. Nun bekommen Sie 50000 Mark aus dem Programm Push (Public Under standing of Sciences and Humanities) des Stifterver bands für die Deutsche Wissenschaft, um Mathematik in Einkaufszentren zu treiben. Was haben Sie da vor?

ALBRECHT BEUTELSPACHER: Wir wollen ein noch größeres Publikum erreichen. Unser Ziel ist es, Mathe matik für alle zu präsentieren. Deswegen gehen wir jetzt ins Einkaufszentrum. So können wir auch die für Ma thematik begeistern, die nur zufällig vorbeikommen.

ZEIT: Glauben Sie wirklich, dass ausgerechnet die Kunden von Einkaufszentren Zeit und Interesse für Mathematik mitbringen?

BEUTELSPACHER: Davon bin ich überzeugt. Was wir bieten, ist so spannend, dass auch jemand im Vorbei gehen davon gefesselt werden kann. Nach unseren Er fahrungen lässt sich jeder Besucher, ob er nun freiwil lig oder etwa mit seiner Schulklasse gekommen ist, von den Experimenten fesseln. Auch im Einkaufszentrum - unser erstes Ziel ist das Allee-Genter in Magdeburg - werden die Exponate umlagert sein.

ZEIT: Welche Experimente wollen Sie ausstellen?

BEUTELSPACHER: Wir entwickeln mit dem Geld vom Stifterverband zwei neue Exponate: Die Besu cher werden sich in ein Spiegelhäuschen setzen kön nen und sich darin unendlich oft gespiegelt sehen. Und wir wollen das zeigen, was Mathematiker ,,Par kette" nennen: regelmäßige Muster, die ineinander greifen und die Ebene lückenlos überdecken. Puzzle artige Legespiele sollen die verschiedenen mathemati schen Strukturen verdeutlichen. Außerdem machen wir bereits bestehende Exponate tauglich für die här teren Bedingungen im Einkaufszentrum. Da gibt es etwa eckige Räder: Räder, die quadratischen Quer schnitt haben, aber trotzdem gleichmäßig rollen. Oder das Experiment Alle Dreiecke sind gleich. Da muss man ein Dreieck so in einen Lichtkegel halten, dass sein Schatten mit einem vorgegebenen Dreieck übereinstimmt, das völlig anders aussieht.

ZEIT: Wer erklärt denn den Leuten, was sie mit den Sachen anfangen sollen?

BEUTELSPACHER: Schon jetzt erklären sich unsere Ex ponate meist von selbst. Die einzigen Texte dabei sind Anleitungen zum genauen Hinsehen. Das wird sich im Einkaufszentrum noch verschärfen. Dort sind die Menschen noch weniger bereit, etwas zu lesen.

ZEIT: Sie wollen nächstes Jahr in Gießen ein Mit machmuseum für Mathematik eröffnen. Was ist Ihrer Meinung nach denn nun besser geeignet, Mathematik dem Normalmenschen nahe zu bringen, Museum oder Zentrum?

BEUTELSPACHER: Das eine ergänzt das andere. Zunächst werden wir die Exponate, die sich im Ein kaufszentrum bewähren, natürlich im Museum un terbringen. Unser Museum ist kein Ort, an dem es lei se zugeht, sondern ein großer Spielplatz, an dem Jun ge und Alte herumprobieren und diskutieren. Den noch kann man dort auch Experimente anbieten, die eine gewisse Konzentration erfordern, bei denen man etwa den mathematischen Hintergrund erkunden kann. Eine Schulklasse könnte hier zum Beispiel eine Mathematikstunde an einem Exponat machen. Im Einkaufszentrum ist das undenkbar.

ZEIT: Sie haben vor einiger Zeit den mit 100 000 Mark dotierten Communicaror-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bekommen für Ihre Verdienste, die Wissenschaft der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Warum hat gerade Ihr Fach ein so schlech tes Image?

BEUTELSPACHER: Das liegt zum allergrößten Teil an der Schule. Trotz der Bemühungen vieler Lehrer stellt sich die Mathematik für die meisten Schüler als un durchdringlicher und sinnleerer Formelwald dar. Auch wer im Abitur noch ganz gut ist, weiß nicht, was Mathe wirklich ist. Es wird ihm ein völlig falsches Bild suggeriert. Dass Mathematik mit Spaß, Neugier und Kreativität zu tun hat, kommt in der Schule nicht vor. Hier sehen wir eine große Chance und eine große Notwendigkeit, mit unseren Ausstellungen und dem Museum eine neue Tür zur Mathematik zu öffnen.

ZEIT: Kann die Schulmathematik davon etwas lernen?

BEUTELSPACHER: Die Schulmathemarik karin von den Ausstellungen durchaus profitieren. Ichwerde zur- zeit überschüttet mit Anfragen, ob ich Lehrer fortbil den könnte. Mit den Experimenten lassen sich die Schüler besser motivieren als mit allem anderen. Außer dem werden sie sich lange daran erinnern. Im norma len Unterricht lernen die Kinder meist nur für die nächste Klassenarbeit. Danach ist alles wieder verges sen. Besucher unserer Ausstellungen können dagegen noch nach drei, vier Monaten ein Experiment genau beschreiben, ohne es vor sich zu haben.


Das Gespräch führte Wolfgang Blum
Bildunterschrift: ALBRECHT BEUTELSPACHER ist ein Mathematiker mit PR-Jnstinkt
aus: DIE ZEIT, 2000-09-28

Die Eins vom Planet Zob

Zob

Die Eins vom Planet Zob - Ein bizarres mathematisches Gesetz über die Häufigkeit von Zahlen hilft, Steuersündern und Spendengaunern auf die Spur zu kommen

Als Sir Arthur Conan Doyle auf dem Höhepunkt des Erfolgs stand, entschloss er sich zum Mord. Er hatte es satt, Detektivgeschichten über Sherlock Holmes zu schreiben. So trat dessen Gegenspieler auf den Plan, Professor Moriarty der Napoleon des Verbrechens. Beim Showdown in den Alpen stürzten beide in den Abgrund. Der Fall wäre erledigt gewesen, hätten die Leser nicht laut protestiert und den Autor zur Wiedererweckung seines Helden gezwungen.

Für den Schurken hatte Conan Doyle ein lebendes Vorbild: Moriartys fiktive Karriere erinnert streckenweise an den hoch angesehenen und kreuzbraven amerikanischen Mathematiker und Astronomen Simon Newcomb. 1835 in Nova Scotia geboren, wuchs Newcomb zur wissenschaftlichen Autorität heran. Seine Berechnungen der Planetenbahnen galten als Standard, kleinste Abweichungen, etwa beim Merkur, ließen sich später nur durch Einsteins Relativitätstheorie erklären. Newcomb pries unermüdlich den Wert der wissenschaftlichen Methode; auch im politischen, ökonomischen und sozialen Alltag sah er Gesetzmäßigkeiten am Werk. Seine sonderbarste Entdeckung aber machte Newcomb in Logarithmentafeln.

Logarithmentafeln wurden früher für Kalkulationen aller Art_benutzt. Nach Jahren des Gebrauchs waren sie entsprechend zerfleddert Aber, wie Newcomb fand, keineswegs durch und durch: Die vorderen Seiten schienen schmutziger als die hinteren, als hätten sich die Benutzer bevorzugt für die niedrigen Zahlen interessiert, Newcomb, der die Welt für prinzipiell berechenbar hielt, zog daraus einen weit reichenden Schluss: Die Ziffer 1 am Beginn einer Zahl müsse häufiger vorkommen als die 2, die 2 wiederum häufiger als die 3 und so fort, am seltensten beginne eine Zahl mit einer 9. Das klang absurd. Warum sollte die Natur kleine Zahlen bevorzugen? Schließlich nutzen Ingenieure und Wissenschaftler alle erdenklichen Messgrößen. Aber Newcomb ging noch weiter, er stellte ein Gesetz auf: Die Wahrscheinlichkeit p(d), dass eine beliebige Zahl mit einer bestimmten Ziffer d beginne, sei exakt errechenbar (nach der Formel p(d) = log(1 + lid)). Mit einer Logarithmentafel einem Taschenrechner lässt sich einfach Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeine Zahl mit der Ziffer d = 1 beginnt, beträgt 0,3, was 30 Prozent entspricht. Die Ziffer 2 folgt mit 17, die 3 mit 12 Prozent, und die Ziffer 9 muss sich gar mit 4,5 Prozent begnügen.

1881 veröffentlichte Simon Newcomb seine Berechnungen im American Journal ofMathematics und erntete Schweigen. Sei es, dass die Arbeit niemand las, sei es, dass niemand ihre Bedeutung erkannte, Newcombs merkwürdiges Gesetz geriet in Vergessenheit. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde es erneut entdeckt; der Physiker Frank Benford stolperte in den Diensten der General Electric Company ebenfalls über abgegriffene Logarithmen. Nach ihm heißt die Formel heute Benfords Gesetz. Benford ließ es nicht bei Logarithmen, er stürzte sich auf alles, was die Statistik hergab: Luftdruckmessungen, die Ergebnisse der amerikanischen Baseball-Liga, Atomgewichte, Bevölkerungszahlen, die Höhe der Stromrechnungen auf den Solomon Islands, Artikel aus dem Reader's Digest insgesamt über 20 000 Einzelbeobachtungen, die alle dasselbe ergaben. Die 1 lag immer vorn.

Warum das so ist, leuchtet auf den ersten Blick nicht ein. Selbst für Statistiker ist Benfords Gesetz eine harte Nuss. So häufig es gilt, so häufig gilt es scheinbar auch wieder nicht. Der Preis aller Biermarken etwa, die im Supermarkt in der Dose angeboten werden, bewegt sich aus Konkurrenzgründen innerhalb einer bestimmten Spanne; durchaus möglich, dass sie alle zwischen 90 und 99 Pfennige kosten. Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht folgen einer Wellenlinie, keineswegs Benfords Gesetz. Andererseits gibt es Verteilungen, die vollständig dem Zufall unterworfen sind Lotteriezahlen sind ein bekanntes Beispiel, ihre Ziehung lässt sich nicht vorhersagen. Zwischen schierem Zufall und strikter Notwendigkeit liegt ein dritter Bereich, der sich mit der Gaußschen Glockenkurve beschreiben lässt. Unter dieser so genannten Normalverteilung streuen die Werte um eine Mittelachse, Abweichungennach oben oder unten sind entsprechend seltener, was ebenfalls nicht der Benfordschen Häufigkeit entspricht.

Wie lässt sich Benfords Gesetz einordnen? Welche Daten folgen der Logarithmusformel, welche nicht? Lange Zeit stocherten die Zahlenforscher im Nebel. Das alles schien obskur, eine Laune der Natur, die sich dem mathematischen Verständnis entzog. Seriös wurde die Sache erst, als Roger Pinkham von der Rutgers University in New Brunswick zeigen konnte, dass Benfords Gesetz sogar universelle Gültigkeit besitzt. Er demonstrierte das am Beispiel der geografischen Fläche verschiedener Flüsse, die alle der Benfordschen Regel gehorchen, und zwar egal, ob man die Fläche nun in Quadratkilometern, Hektar, Morgen oder Ruten bemisst; selbst das fiktive Flächenmaß Zinkolis vom Planeten Zob, erläuterte Pinkham, führe zum selben Ergebnis. Zwar würden sich die einzelnen Ziffern bei der Umrechnung ändern, doch an der Gesamtverteilung ändere das nichts sie ist, wie der Mathematiker sagen würde, skaleninvariant. Benfords Gesetz ist, wie Pinkham außerdem bewies, zugleich das einzig mögliche Gesetz über Ziffernhäufigkeiten, das diese Bedingung erfüllt.

Wie der Geist über dem Wasser schwebt Benfords Gesetz über dem Meer der Statistik. Letzte Zweifel konnte vor vier Jahren der Mathematiker Theodore Hill vom Georgia Institute of Technology ausräumen. Benfords Gesetz, fand er heraus, ist gewissermaßen die Mutter aller Verteilungshäufig keiten. Hill hat das am Beispiel der Titelsei te einer Tageszeitung erläutert: Eine Mel dung betrifft die aktuellen Gewinnzahlen, eine zweite die Entwicklung des Benzinpreises, eine dritte das Wetter, eine vierte den Haushalt des Finanzministers. Jede Angabe für sich beruht auf einer anders gearteten Sta -tistik aber alle zusammen folgen Benfords Gesetz. Wer mag, kann das schnell überprüfen: Knapp jede dritte Zahlenangabe einer Titelseite sollte mit der Ziffer 1 beginnen, knapp jede fünfte mit der 2 und so weiter. Wo das nicht so ist, darf man misstrauisch werden. Denn mithilfe der Benfordschen Regel lässt oder sich zwar kein Blumentopf gewinnen, erst recht prüfen: kein Sechser im Lotto. Nützlich ist sie aber da, rund wo Menschen Zahlen frisieren. Also bei den Spesen etwas schummeln, bei der Steuer korrigieren oder bei der Spende ein paar Mark in die eigene Tasche stecken. Um solchen Praktiken auf die Schliche zu kommen, hat Mark Nigrini, Profes sor für Buchhaltungswesen an der Southern Me thodist University in Texas, ein Programm ent wickelt namens Digital Analyzer. Spaßeshalber überprüfte er damit die Steuererklärungen der Clintons. Ergebnis: Der Präsident habe über 13 Jahre halbwegs ehrliche Angaben gemacht und wohl nur im Detail ein bisschen nachgebessert.

Vor kurzem hat Mark Nigrini ein Buch veröf fentlicht (Digital Analysis, Using Benford's Law) in dem er seine Methode und ein paar ernste Fälle vorstellt. Im Auftrag einer Hotelkette kam er einem millionenschweren Versicherungsbetrug auf die Spur. Eine Angestellte hatte Schecks der firmeneigenen Krankenversicherung gefälscht und Herzoperationen abgerechnet, die nicht stattgefünden hatten, zu jeweils 6500 Dollar. Die ersten beiden Ziffern 6 und 5 stachen aus Nigrinis Analyse hervor wie ein Daumenabdruck.

"Ein Werkzeug, das eines Sherlock Holmes würdig wäre", lobte der Finanzfahnder der Staatsanwaltschaft von Brooklyn, NewYork. Als die Zeitschrift New Scientist davon berichtete, gingen Berge von Leserbriefen ein. Nigrini erhält inzwischen Anfragen aus aller Welt. Australische Zollbeamte wollen wissen, wie man die Plausibilität von Zollerklärungen prüfen kann, ein Mathematiker aus der Ukraine hoffte, systematischen Urnenschwindel bei den jüngsten ukrainischen Parlamentswahlen aufzudecken. Zu Nigrinis prominentesten Kunden gehört das internationale Wirtschaftsprüfungsunternehmen Ernst & Young. Weltweit setzt es den Digital Analyzer auf rund 4000 Rechnern ein, gewissermaßen als Krucke. Im Fall des Verdachts einer Unterschlagung kann Benfords angewandtes Gesetz erste Hinweise liefern; die Psychologie des gewöhnlichen Betrügers, sagt Mark Nigrini, führt im Allgemeinen zu auffälligen Zahlenmustern, die von der erwarteten Regel abweichen. Auch wenn Genehmigungsgrenzen systematisch umgangen werden, fällt das auf.

Hätte man mithilfe von Benfords Gesetz auch Licht in den aktuellen Parteispenden skandal bringen können? Bei Ernst & Young Deutschland, die den Rechenschaftsbericht der CDU unter die Lupe genommen haben, löst die Frage Nachdenken aus. Nein, vermutet Andreas Nutz von der Grundsatzabteilung Prüfungstechnik. Die Schwierigkeit liege in der Skaleninvarianz des Gesetzes. Eine Spende von 100 000 oder gar 1 000 000 Mark wäre in der Flut kleinerer Beträge von 10 beziehungsweise 100 oder 1000 Mark einfach untergegangen. Was man allerdings hätte finden können, seien ungewöhnlich häufige Spenden im Bereich von knapp unter 20 000 Mark.

Dort setzt das deutsche Parteiengesetz die Publizitätsgrenze: Oberhalb von 20 000 Mark sind Namen und Anschrift des Spenders im Rechenschaftsbericht zu nennen, unterhalb dieser Grenze kann er anonym bleiben. "Ich bedaure es fast", sagt Nutz, "dass wir das nicht geprüft haben."
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DIE WELT, Jörg Albrecht

Kopfjagd auf Mathematiker

kopfjagd

Rechnen mit dem Zufall

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Britischer ,,Internet-Milliardär\" verläßt sich auf die Mathematik

Autonomy entwickelt Spracherkennungssoftware, die auf Wahrscheinlichkeitsrechnung statt auf Linguistik basiert

lynch
eis. LONDON, 5. Januar. Die britische Presse hat ihn ,,Großbritanniens ersten Internet-Milliardär" getauft. Dabei macht Mike Lynch, der Gründer des Softwareunternehmens Autonomy, nur einen geringen Teil seines Umsatzes mit Kunden aus dem weltweiten Netz, und selbst ist er schon gar kein Internetunternehmer, denn er verkauft Software. Inzwischen ist Lynch außerdem nicht mehr Milliardär in Pfund gerechnet, sondern nur noch in Dollar, und das natürlich auch nur auf dem Papier, denn soviel ist in etwa sein knapp 20 Prozent hoher Anteil an der Autonomy Corporation plc. wert, die an der Easdaq in Brüssel, der Nasdaq in New York und an der Londoner LSE gelistet ist. Der 35 Jahre alte Lynch mag die Bezeichnung ,,Internet-Milliardär" denn auch nicht besonders. ,,Das einzig Gute daran ist, daß es zeigt, wie man heute auch in Großbritannien erfolgreich sein kann. So wie in Deutschland hat auch Großbritannien aufgrund eines sehr guten Erziehungssystems immer sehr kluge Leute hervorgebracht. Doch diese mußten lange Zeit ins Silicon Valley gehen, um erfolgreiche Unternehmer zu werden", sagt Lynch im Gespräch mit dieser Zeitung. Autonomy ist ein Sproß jener Gründer-szene in der Region um die Universität Cambridge, die dort aus einer glücklichen Kombination von qualifizierten Wissenschaftlern und risikobereiten Wagniskapitalunternehmen entstanden ist. Ein anderer Vertreter dieses Milieus ist beispielsweise der Chipdesigner ARM. Solche Unternehmen gehören nicht nur zu den interessantesten Vertretern der ,,New Economy" Großbritanniens, sondern haben aufgrund ihrer Börsenbewertung auch Eintritt in den Aktienindex FTSE-100 gefunden, den Kreis der größten Gesellschaften des König-reiches. Trotz der allgemeinen Rückschläge ist ARM heute noch 5,6 Milliarden Pfund, rund 18 Milliarden DM, an der Londoner Börse wert, während Autonomy auf rund 3 Milliarden Pfünd kommt. Autonomy ist nach Lynchs Angaben ein auf seinem Gebiet einzigartiger Anbieter, weil die Software des Unternehmens mit mathematischen Methoden alle möglichen Arten von Texten zu bearbeiten hilft. Um kostensparende Automatisierung zu erreichen, müssen Computer Texte verstehen können. Während die Konkurrenz mit linguistischen Techniken an dieses Problem herangehe, setze Autonomy auf die Hilfe von Wahrscheinlichkeitsrechnungen, so Lynch. Dafür muß die Software zuerst mit riesigen Datenmengen an Text gefüttert werden, damit der Computer quasi lernt und eine Basis für seine Wahrscheinlichkeitsrechnungen hat. Auf Grundlage dieser ,,Erfahrungen" kann er dann Texte ,,begreifen", weil er die Wahrscheinlichkeiten kennt, mit denen bestimmte Worte in einem Zusammenhang stehen. ,,Der Hund kommt in den Raum. Er hat ein braunes Fell", gibt Lynch als Beispiel. Nach Regeln der Linguistik kann bei diesen zwei Sätzen nicht entschieden werden, ob der Hund oder der Raum ein Fell hat, nach Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Zusammenhänge ermittelt, aber schon. Die Software, die zu Lynchs Leidwesen oft als Suchmaschine beschrieben wird, könne quasi in jedem größeren Unternehmen branchenübergreifend eingesetzt werden. Sie sei mehr als das Fundament für Suchmaschinen, denn sie könne viele verschiedene Formen von Texten erfassen, verwalten, in- Mike Lynch dexieren oder einordnen. Blue-Chip-Unternehmen aus der ganzen Welt gehören daher heute zu den Kunden von Autonomy. ,,Unser Markt ist praktisch die weltweite Software. Wir streben an, das Stück Technologie zu liefern, das alle mögliche Arten von Software intelligent macht", sagt Lynch. Daher beliefert Autonomy nicht nur die General Motors dieser Welt, sondern zunehmend auch andere Softwareanbieter wie beispielsweise das Jenaer Unternehmen Intershop. Autonomy weist für das dritte Quartal 2000 bei einem Umsatz von 17,6 Millionen Dollar eine Bruttoumsatzrendite von 95 Prozent auf. Das Betriebsergebnis lag in den ersten drei Quartalen bei knapp 15 Millionen Dollar. Doch was alles so einfach klingt, ist mit einer Reihe von Gefahren verbunden. Das kleine Unternehmen mit seinen 160 Mitarbeitern weltweit ist von einer geringen Zahl hochspezialisierter Fachkräfte abhängig. Die Analysten von UBS Warburg glauben, daß Softwaregiganten wie Oracle, Microsoft oder auch IBM recht schnell die Strate gie von Autonomy kopieren könnten. Lynch will dieses Argument nicht gelten lassen, weil er glaubt, daß die Großunternehmen derzeit auf die falsche Fährte setzten, nämlich auf die Linguistik, und außerdem zu schwerfällig seien. ,,Was uns mehr Sorgen macht, sind jene drei Leute vom MIT, die in der Garage arbeiten", sagt er mit Blick auf das Massachusetts Institute of Technology in Boston, das viele Technologieunternehmer hervorgebracht hat. Dennoch bleibt Lynch gelassen, denn er hofft, seine Software zu einer Art von Industrie-standard ausbauen zu können. ,,Je mehr Kunden wir haben, desto mehr Unternehmen brauchen unsere Software, wenn diese mit der Software anderer Unternehmen kommunizieren soll." Viele Kunden seien in Lieferverträgen von drei bis fünf Jahren eingebunden, dies sichere einen großen Vorsprung. Hinzu komme, daß die Zahl der Wissenschaftler, die auf diesem Gebiet für die Textbearbeitung eingesetzt werden könnten, gering sei; Lynch beziffert sie auf etwa ein Dutzend. ,,Die eine Hälfte arbeitet bei uns, für die andere Hälfte finanzieren wir die Forschung", sagt er. Lynch hat in Cambridge Mathematik studiert und in diesem Fach auch promoviert. Vor zehn Jahren sei es ein ,,englischer Exzentriker" gewesen, der ihm die Unternehmerlaufbahn ebnete. In einem Pub im Londoner Stadtteil Soho konnte Lynch den Mann überzeugen, 2000 Pfünd in ein von ihm gegründetes Unternehmen zu investieren. Später ging Lynch ins Silicon Valley, wo er auch heute noch die Hälfte seiner Zeit verbringt. Doch anfangs sei es äußerst schwer gewesen, die Amerikaner von seiner Technologie zu überzeugen. ,viele Leute dort glauben, die Welt bestehe praktisch nur aus Amerika. Lynch ist daher froh, daß es heute auch in Europa viele Kapitalgeber für Technologieunternehmen gibt. Autonomy profitierte beispielsweise wesentlich vom Einstieg der Beteiligungsgesellschaft Apax Partners. Den Börsenabschwung bei Technologieunternehmen hält er für gesund, denn ,,die Qualitätswerte werden sich wieder erholen", sagt der Unternehmens-gründer. Auch die Aktie von Autonomy liegt in London freilich noch unter ihrem Einführungskurs. Wie entwickelt sich Autonomy weiter? Lynch will das Unternehmen der Personal-stärke nach klein halten und keinen großen Verkaufs- und Beratungsapparat aufbauen. Akquisitionen sollen dort erfolgen, wo technisches Fachwissen eingekauft werden könne, so wie in der Vergangenheit beispielsweise bei dem deutschen Unternehmen Excalibur oder bei der Gesellschaft Softsound, die bei der Spracherkennung durch Computer helfen soll.
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FAZ - 2001-01-06

Berufschancen in Mathematik

Lise-Meitner-Gymnasium Königsbach

Der Dekan der Math. Fakultät der Universität Karlsruhe,

Professor Dr. Henze, informiert am Lise-Meitner-Gymnasium

Königsbach über Berufschancen in Mathematik

"Mathematik Schlüsselwissenschaft für die Zukunft". Unter diesem Titel hielt Prof. Dr. Norbert Henze am Mittwoch, 14. Juni 2000, vor den Schülerinnen und Schülern der Klassen 11-13 des Lise-Meitner-Gym nasiums Königsbach einen Vortrag über Berufsbilder und Berufschancen für Mathematikerinnen und Mathematiker. Insbesondere das Mathema tikstudium zählt heute zu den perspektivreichen Studiengängen, denn die Methoden dieser Fachwissenschaft werden zur Lösung vielfältiger und komplexer Probleme zum Beispiel in Banken und Versicherungen, in der Softwareentwicklung, im Ingenieurbereich, in der Elektrotechnik und im Automobilbau genauso wie in Forschungseinrichtungen bei der Ent wicklung von Hochtechnologie in den Bereichen Systementwicklung und Prozesssimulation benötigt. Und so reicht das Aufgabenspektrum von Mathematikerinnen und Mathematikern heute von der Verschlüsse lung von Nachrichten im Internet bis zur Berechnung der Flugbahn ei nes Satelliten, von der Beschreibung eines neuen Automobils im Rech ner bis zur Entwicklung neuer Strategien an den Finanzmärkten.

Auf diese spannenden Herausforderungen dürfen sich Studierende der zukunfisträchtigen Diplomstudiengänge Mathematik, Wirtschafts- und Technomathematik sowie des Lehramtsstudiengangs freuen. Bereits das Hochschulstudium hält viel Interessantes für junge Menschen bereit. Hier gilt es, Herausforderungen in der Form mathematischer Fragen anzunehmen, komplexe Probleme in einfachere Teilprobleme zu zerlegen und diese alleine und im Team zu lösen.

Fleiss und intensives Einüben, Hartnäckigkeit und Eigeninitiative sind dabei der Schlüssel zum Erfolg. Mathematikerinnen und Mathematiker werden in Industrie und Wirtschaft daher nicht nur wegen ihres breiten fachlichen Grundwissens, sondern gerade auch wegen der im Studium erlernten Fähigkeiten des strukturellen analytischen Denkens und des zielorientierten und zielstrebigen Einarbeitens in neue Wissensgebiete so geschätzt.

Die Wahl des Studiengangs wird von jungen Menschen heute vornehm lich auf Grundlage persönlicher Neigung getroffen. Das große Interesse, mit dem die Schülerinnen und Schüler des Lise-Meitner-Gymnasi ums Königsbach dem Vortrag folgten, zeigt, dass eine Informationsver anstaltung wie die Professor Henzes in herausragender Weise geeignet ist, spannende Bildungsgänge vorzustellen und junge Menschen für zu kunftsträchtige Studienfächer zu begeistern. Schulleiter Egon Beckmann schätzt die Bedeutung außerschulischer Fachleute und deren sachkundi ges und überzeugendes Engagement für eine intensive Kooperation schu lischer und universitärer Bildungssituationen hoch ein. Der Veranstaltung am Lise-Meitner-Gymnasium Königsbach kommt darüber hinaus eine große bildungspolitische Bedeutung zu, vermag sie es doch, bei Schüle rinnen und Schülern Lernmotivation freizusetzen und sie zum erfolgrei chen Abschluss des gymnasialen Bildungsgangs in Form der allgemei nen Hochschulreife zu motivieren.

Das Fach braucht ein besseres Image

schaetz

Wie Ulrike Schätz versucht, Schüler für Mathematik zu gewinnen

Bereits vor zehn Jahren hat Ulrike Schätz erkannt, dass sich in Mathematik und Phy sik der Unterricht verändern muss, um Schüler dafür stärker zu motivieren. Dazu gründete die Lehrerin am Münchner Lui sengymnasium Arbeitsgruppen und be fragte ihre Schüler. Mittlerweile ist sie eine Expertin für didaktische Fragen und ihr Rat auch an der Universität gefragt.


SZ: Mathematik ist bei Schülern nicht gerade ein beliebtes Fach.

Schätz: Es ist ein Fach, in dem man sich anstrengen muss. Aber dass es di rekt abgelehnt wird, den Eindruck habe ich nicht. Ich versuche, jede neue Klasse für mein Fach zu gewinnen und habe da zu eigens vor ein paar Jahren Schülerin nen und Schüler befragt, wie ihr Traum Mathematik-Unterricht aussehen sollte.

SZ: Und was haben sie gesagt?

Schätz: Sie haben sich gewünscht, dass neuer Stoff stets von der Lehrkraft selbst eingeführt wird. Und zwar lang sam mit vielen Möglichkeiten zur Wieder holung. Auch wollten sie, dass man so vie le Fragen stellen darf, wie notwendig sind, Übungsaufgaben interessanter sind und mehr Bezug zum Alltag haben.

SZ: Teilen Sie die Ansicht von Schü lern, dass der Unterricht langweilig ist?

Schätz: Als ich in den 60er Jahren als Lehrerin angefangen habe, hat man sei nen Frontalunterricht gehalten und die Schüler haben einfach nur aufgepasst. Däs hat sich geändert. Heute wollen sie vor allem den Bezug zur Praxis und sich möglichst viel selbst einbringen.

SZ: Wählen Ihre Schüler nun ver mehrt Mathematik als Leistungskurs?

Schätz: Wir haben am Luisengymnasi um jedes Mal einen Leistungskurs mit mehr als 20 Schülerinnen und Schülern.

SZ: Ist es möglich, noch mehr Schüler für das Fach zu gewinnen, wie es Univer sität und Wirtschaft fordern?

Schätz: Ich denke schon, wenn Mathe matik wieder ein besseres Image be kommt. Dazu müsste sich jedoch die Mei nung durchsetzen, dass man Mathematik

wie Sprachen beherrschen muss, weil sie - zur Allgemeinbildung gehört.

SZ: Ist es nicht auch eine Aufgabe des Lehrers, für sein Fach zu werben?

Schätz: Das ist sicherlich auch eine Aufgabe des Lehrers, aber nicht nur. Wir brauchen auch stärker die Unterstüt zung von den Eltern und den Medien, da mit Mathematik nicht mehr nur als Hor rorf ach dargestellt wird.

SZ: Mädchen scheinen jedoch noch- mais ein besonderes Problem mit dem Fach zu haben. Wäre es nicht notwendig, sie gezielter zu fördern?

Schätz: Wir haben das bereits ge macht und vor drei Jahren erstmals ei nen Grundkurs Mathematik nur für Mäd chen angeboten. Und die haben dann tat- sächlich auch im vergangenen Jahr deut lich besser im Abitur abgeschnitten als diejenigen, die nicht daran teilgenom men hatten. Mädchen sind ja nicht weni ger begabt als Jungen. Sie haben nur eine andere Art, an Aufgaben heranzugehen.

Interview: Christine Burtscheidt
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Süddeutsche Zeitung, 2001-02-10/11

Mathematik zum Anfassen

Schüler sollen ein Gefühl für Formeln entwickeln

Man müsse sich öffnen, hat Albrecht Beutelspacher einmal gesagt, dürfe seine Fähigkeiten nicht hinter Panzerglas verschließen. Beutelspachers Fähigkeiten liegen in der Kommunikation einer abstrakten Materie, der Mathematik. Wie kaum ein anderer schafft es der Gießener Professor, den oft als dröge empfundenen ,,Formelkram" einem breiten Publikum zu vermitteln - zum Beispiel, dass eine Minimalfläche nicht anderes als die Oberfläche einer Seifenblase ist. Für seine zahlreichen Erklärungsversuche - Bücher wie ,,In Mathe war ich immer schlecht" oder ,,Pasta all'infinito. Meine italienische Reise in die Mathematik", eine Mathematik-Ausstellung zum Anfassen und sein jüngstes Projekt, ein Mathematik-Museum - ist er kürzlich mit dem Communikator-Preis des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet worden.
Beim UWT-Forum erklärte Beutelspacher, der vor seiner Berufung nach Gießen bei der Firma Siemens an Verschlüsselungsverfahren und Chipkartentechnik arbeitete, was ihn an der derzeitigen Mathematik-Ausbildung stört. Die Studenten könnten zwar mit Formelwissen umgehen, etwa Gleichungen lösen oder Integrale ausrechnen. Aber die Gedanken und Begriffe blieben den meisten von ihnen fremd.,, Die Distanz zwischen dem Phänomen und der Theorie wird deshalb als groß empfunden", sagt Beutelspacher. Dass solche Studenten als spätere Lehrer ihren Schülern auch nicht das richtige Gefühl für Mathematik nahe bringen können, liegt auf der Hand. Die erste große internationale Mathematik-Studie Timss hat denn auch deutschen Schülern ein besonderes Defizit bei der Lösung von nicht standardisierten Aufgaben bescheinigt. Der Grund: Sie halten Mathematik für das Lernen und Anwenden von Formeln. Interessanterweise ist das Fach gar nicht so unbeliebt wie gemeinhin vermutet - aber aus einem ,,falschen Grund", wie Beutelspacher kritisiert. Denn Schüler meinten, Mathematik sei kalkulierbar.
Schüler müssten merken, dass Mathematik sie etwas angeht. Die Lehrer fordert Beutelspacher deshalb auf, die Inhalte mittels Anwendungen aus dem richtigen Leben nahe zu bringen. Beispiel Symmetrie: ,,Dazu gehört auch, mal rauszugehen und zu überlegen, warum Autos, Häuser oder Pflanzen symmetrisch sind". Nur so könne man eine lang anhaltende Motivation für das Fach schaffen.
Der Erfolg scheint Beutelspacher recht zu geben. Schon weit mehr als 100 000 Besucher haben sich mit Spiegelexperimenten, Seifenhäuten, Kugelbahnen und Knobelspielen in seiner Wanderausstellung ,,Mathematik zum Anfassen" beschäftigt. Sie soll nun einen Dauerplatz im ehemaligen Gießener Hauptzollamt finden - und nach dem Vorbild von ,,Science Centers", etwa dem Exploratorium in San Francisco, Mathematik als Kulturleistung einem möglichst breiten Publikum nahe bringen.

Jeanne Rubner
Süddeutsche Zeitung, 2001-02-10/11

Mathematik ist die Schlüsselwissenschaft der Zukunft

Ernestinum2Dr. Norbert Henze wirbt am Gymnasium Ernestinum. Er hat selbst an dieser Schule Abi gemacht. Heute ist er Professor in Karlsruhe

Ernestinum